Respekt für bettelnde Menschen. Ich wende mich an Sie.

veröffentlicht am 13. Juni 2014

Es gibt das Recht zu betteln und das Recht auf eine Grundversorgung jedes Menschen. Doch zunehmende Ordnungspolitik soll soziale Sicherheit ersetzen und auch Sie „in Sicherheit wiegen“.

Gleichzeitig werden Ihnen „Zutaten“ von Boulevard-Medien vorgesetzt: Bedrohungszenarien, Angstmache und die Unterstellung, dass Bettler_innen und Kriminelle zwangsläufig ein und dasselbe wären. Allen voran die Kronen Zeitung: Acht Titelseiten der oberösterreichischen Krone an acht aufeinander folgenden Tagen. So werden Themen Themen, so werden die Menschen, auch Sie, geblendet.

Acht Titelseiten der oberösterreichischen Krone an acht aufeinander folgenden Tagen. Foto: Paul Aigner

Acht Titelseiten der oberösterreichischen Krone an acht aufeinander folgenden Tagen. Foto: Paul Aigner

 

Wussten Sie, dass die Wiener Polizei „Bettlerkarteien“ erstellt, eigene „Bettlerstreifen“ einsetzt und die Akten im Verwaltungsstrafverfahren mit einem roten Stempel „BETTLER“ kennzeichnet? „Gerade im Zuge der in den Medien stattfindenden Kriminalisierung ist diese Praxis höchst bedenklich“, schreibt die BettelLobbyWien.

Sie sind verunsichert, weil Sie „sich betrogen fühlen“? Sie geben, doch Sie fürchten, dass das Geld den Bettler_innen abgenommen wird? Wissen Sie, was mit „organisiertem Betteln“ gemeint ist? Es handelt sich um ein Verwaltungsdelikt, bei dem Bettler_innen absurderweise bestraft werden, weil sie gemeinsam betteln, wie es viele machen, weil sie sich sicherer fühlen, wenn sie beim Betteln Sichtkontakt haben. „Organisiertes” Betteln zu kriminalisieren kommt der Kriminalisierung jeglichen Spendensammelns im öffentlichen Raum gleich.

„Expert_innen“ liefern der Politik die Argumente, mit denen schärfere Bettelverbote öffentlich verkauft werden können. So spricht etwa Oberst Tatzgern von täglich bis zu 1000 Euro, die „Bettler für ihre ,Hinterleute‘ erbetteln …“. Doch weder ist diese oft zitierte „Hintermännertheorie“, noch sind Einnahmen von 1000 Euro nachvollziehbar. Von 15-20 Euro sprechen Bettler_innen selbst und auch Stefan Benedik, Historiker in Graz, recherchierte im Rahmen seiner Studie „Die imaginierte Bettlerflut“ diese Zahl. (s. auch das Interview dazu in derStandard.at) Nur in einem einzigen Fall wurde ein Ehepaar verurteilt, weil es behinderte Menschen für sich betteln ließ. Deswegen dürfen Bettler_innen nicht unter Generalverdacht gestellt werden.

 

Unterwegs

Die letzten Tage war ich wieder auf den Straßen unterwegs. Herr V., ein Bettler im Rollstuhl, sitzt bei mir im 15. um die Ecke, in der prallen Sonne. Dankbar über ein wenig Geld und Wasser. Der Enkelsohn, selbst Analphabet und gerade krank, ist mit der Pflege überfordert. Die Kommunikation ist schwierig. Was er und viele andere bräuchten, ist Respekt und Unterstützung. Medizinische Hilfe gibt es zwar bei AmberMed, der Arztpraxis Neunerhaus, der Caritas oder den Barmherzigen Brüdern. Doch es braucht Unterstützung bei Arztbesuchen, bei Behördengängen, etwa der Einschulung der Kinder oder im Umgang mit Vermieter_innen. Es fehlt also die Schnittstelle zwischen Bettler_innen, NGOs, Behörden, Anlaufstellen und auch der Polizei.

Ich konnte den Koalitionspartner SPÖ leider noch immer nicht davon überzeugen, diese wichtige Schnittstelle einzurichten, etwa in Form von Sozialarbeiter_innen, die unterwegs sind, um Bettler_innen muttersprachlich zu unterstützen. Hier fehlt der politische Auftrag, auch wenn sich SAM (Mobile Soziale Arbeit) in Einzelfällen bemüht.

Manchmal wäre es so einfach. Und in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen in Salzburg, wo es zu gewalttätigen Übergriffen gegen RomNija, Brandanschlägen und Nazischmierereien kam, sind Politik, Behörden und Medien umso mehr dazu aufgerufen, die Hetze gegen Bettler_innen einzustellen, die Armutsproblematik auf einer sachlichen Basis zu diskutieren und zumindest eine Grundversorung zu gewährleisten. In einer der reichsten Städte der Welt. Es geht.

Sollten Sie einmal Gelegenheit haben, mit Bettler_innen zu sprechen, nützen Sie diese.

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8 Kommentare

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  3. Myron sagt:

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