„und was machst du für meine kinder?“ ein gespräch.

veröffentlicht am 19. Februar 2016

Mein persönlicher Bericht zur Mindestsicherung (http://birgithebein.at/…/flashback-1990-erinnerung-einer-s…/) hat einiges ausgelöst. Viele haben von ihren eigenen Erfahrungen in Notsituationen erzählt. Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie sich jemals in finanziell-existenziellen Notlagen befunden haben. Es ist ein Tabu, arm und auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. Aber es gab auch andere Anrufe. Zum Beispiel dieser.

 

Bildschirmfoto 2016-02-19 um 09.14.36

X: Du bist so extrem in die eine Richtung. Ich les, was du auf Facebook schreibst. Du möchtest denen alles in den A… schieben.

Ich: Denen?

X: Denen, die nichts hackeln, und den Asylanten.

Ich: Du wirfst alles in einen Topf. Jeder Zehnte bezieht in Wien Mindestsicherung, die meisten nur eine Aufzahlung, weil sie zu wenig verdienen. Die Löhne sind zu niedrig. Und es herrschen Kriege. Flüchtlinge sind unterwegs. Seien wir doch einfach froh, nicht in einen Krieg hineingeboren worden zu sein.

X: Ach was. Wie kommt der Nachbar, der Tischler dazu, dass er auch nur 900 Euro verdient?

Ich: Ich will ja, dass er mehr kriegt. Und mit 900 Euro leben ist kein Lotterleben. Weißt du, wie viel für eine Wohnung zahlst? Was sollen sie den tun?

X: 400 Euro reichen. Und die Asylanten nehmen uns die Arbeitsplätze weg.

Ich: Die sind doch nicht schuld an der Arbeitslosigkeit. Die Unternehmen machen Bombenumsätze, und die Reichen zahlen keine Steuern. Geld gibt’s genug.

X: Jaja, die verarschen uns alle, verraten und verkauft. Alle Politiker sind korrupt. Und jetzt noch die Asylanten. Ich les keine Zeitungen mehr …

Ich: Woher nimmst du dann Informationen? Lass dich doch nicht für blöd verkaufen.

X: Ich seh es ja. Da kommen Hunderttausende.

Ich: Wie viele, glaubst du, sind im letzten Jahr nach Österreich gekommen und geblieben?

X: Also, naja, fünfhundert mal fünf Fahrten jeden Tag … wird schon so eine Million sein.

Ich: Nein. Es waren 90.000, in einem reichen Land wie Österreich mit acht Millionen EinwohnerInnen.

X: Das ist egal. Es sind zu viele. Und jeder hat mindestens vier Kinder. Und für die gibt’s Geld. Und Ansprüche haben sie. Und Moscheen wollen sie bauen.

Ich: Glaubst wirklich, die steigen unter lebensgefährlichen Umständen in ein Boot, segeln übers stürmische Mittelmeer, Hunderte ertrinken, und haben alle mindestens vier Kinder? Es gibt Flüchtlinge und Leute, die ein besseres Leben wollen, und Trotteln gibt’s überall.

X: Ich hab’s ja gesehen! Du weißt wohl immer alles besser.

Ich: Ich weiß nicht, was ich tun würde, um zu fliehen, was ich alles tun würde, um meine Kinder zu retten. Was würdest du für deine Kinder tun?

X: Ja eh. Es gibt eh welche, die es nicht einfach haben. Aber die Afghanen, mit denen gibt’s nur Probleme. Hat mir eine Polizistin erzählt. Und was geht mich der Krieg an!? Ich bin ja nicht schuld. Unsere Großväter haben auch alles aufgebaut, allein, nach dem Krieg …

Ich: Geh bitte! Millionen sind umgekommen, Hunderttausende geflohen. 1956 sind 180.000 Ungarn nach Österreich gekommen, 1968 160.000 aus der Tschechoslowakei und Polen. Vom Krieg in Jugoslawien gar nicht zu reden. Das sind jetzt alles Leute, die hackeln und Steuern zahlen.

X: Du kapierst es einfach nicht. Ich muss auf meine Kinder schauen. Sollen die einmal hungern!? Alles wird schlechter und teurer.

Ich: Damit unsere Kinder eine Zukunft haben, müssen wir zusammenhalten. Ich sag ja nicht, dass es einfach ist, alles ändert sich. Wir können doch nicht ArbeiterInnen gegen Arbeitslose und Arbeitslose gegen Flüchtlinge ausspielen, damit jede Gruppe irgendjemanden hat, der es noch schlechter hat und auf den sie runterschauen kann. Wir werden in Wien kleiner bauen müssen, damit Leute nicht auf der Straße leben müssen.

X: Genau: wohnen! Der Staat zahlt für einen Flüchtling zwölf Euro pro Quadratmeter, und unsereins …

Ich: Glaubst du das wirklich? Geh doch einmal mit mir in ein Lager. Red einmal mit den Leuten. Bitte.

X: Dafür hab ich keine Zeit.

Ich: Wie geht’s euch denn? Den Kindern?

Er: Die Jüngere war schnuppern. Bei einer Lehrstelle. Die durften nicht einmal Kaffee trinken, damit sie nachher nicht aufs Klo gehen müssen! Den ganzen Tag nur fünf Minuten Pause!

Ich: Das geht ja nicht. Wahnsinn. Was für ein Trottel!

X: Ka Lehrstelle. Weißt du, wie schwierig das ist?

Ich: Kann ich mir vorstellen. Vielleicht bei der Arbeiterkammer probieren? Die helfen. Die wissen Bescheid.

Er: Und du kommst mir mit den Asylanten!

Ich: Die können aber nix dafür, dass der Lehrherr deines Sohnes ein Trottel ist. Darf ich dich was Grundsätzliches fragen?

X: Du lässt dich eh nicht aufhalten. Aber dann hab ich genug.

Ich: Willst wirklich zu den Leuten gehören, die nur schimpfen und voller Hass sind, die irgendwann mit den rechten Glatzköpfen herumrennen!? Ich will keinen Bürgerkrieg. Auch für unsere Kinder nicht.

X: Ist eh zu spät. Er wird kommen, der Krieg.

Ich: Nein. Wir sind ja alle irgendwo deppert. Die Stimmung ist so aggressiv. Das schaffen wir schon.

X: Wir müssen zufrieden sein. Geht uns eh gut. Aber jetzt hör auf mit deinem Gesudere.

Am nächsten Tag rufe ich meinen Gesprächspartner selbstverständlich mit Informationen aus der Arbeiterkammer an, was die Rechte von Lehrlingen betrifft, welche Beschwerdestellen und -möglichkeiten es gibt. Doch wird das seine Meinung ändern? Ich glaube nicht.

Ich habe im Gespräch auch Fehler gemacht. Manchmal moralinsauer in den Aussagen und ich weiß, das kommt nicht gut, hilft meinem Gesprächspartner nicht weiter, ist besserwisserisch und unterstellt beim anderen fehlende Empathie. Vielleicht habe ich sogar Öl ins Feuer, gegossen indem ich Emotion mit Fakten begegne und meinem Gegenüber dadurch weismache, dass seine Gefühle Unsinn sind. Das funktioniert – wenig überraschend – nicht.

Doch was kann die Stimmung verändern? Ich glaube, dass im Moment die Herstellung von so etwas wie Gruppengefühl eine Rolle spielen kann: Willst du zu wirklich denen gehören – oder doch lieber zu uns, denen die Menschenrechte noch etwas bedeuten? Welchen Weg willst DU einschlagen? Darüber sollten wir reden. Dazu brauchen wir Orte des Dialogs. Im rot-grünen Wiener Koalitionsabkommen nennen wir diese Orte „Grätzlzentren“. Wir arbeiten daran.

PS: Die Idee darüber zu schreiben, kam nach dem Gespräch. Weil es fast Modellcharakter hat und viele schon lange die Frage beschäftigt, wie wir die in diesem Gespräch manifest gewordenen Mauern niederreißen, diese Stereotype durchbrechen können, gebe ich es wieder. Auf der Suche nach Antworten.
Die Veröffentlichung erfolgt im Einverständnis des Gesprächpartners, dem ich dafür danke.

Loading Facebook Comments ...


3 Kommentare

  1. Lavinia sagt:

    Sm-dakcab what I was looking for-ty!

  2. Whose side is Obama on? This excellent assessment of his Middle East foreign policy allows for only one rational conclusion and it's not the US or its allies. If he is not a covert Muslim plant he does a perfect impression of one. A big irony in all of this was the kudos he received for killing bin Laden while post-humously achieving for him his single greatest political objective: the reformation of the Caliphate. It looks like the entire Arab part of the Middle East will now become as insane as Iran now. Anyone who still supports Obama is a suicidal fool.

  3. I tried viewing your website on my cellphone and the structure does not seem to be correct. Might want to check it out on WAP as well as it seems most cellphone layouts are not working with your web page.

Ihre Meinung dazu