eine neue hose. und was hat das jetzt mit uns grünen zu tun.

veröffentlicht am 2. August 2017

Kennen Sie das? Manche Sätze, manche Situationen aus der Kindheit tauchen immer wieder auf, die Erinnerung daran so frisch, als wären sie erst gestern gewesen. Und natürlich spielt Scham eine große Rolle.
Die Frage einer Schulkollegin, vermutlich in der ersten Klasse HAK in Villach (damals eine Großstadt für mich): „Sag, hast du eigentlich nur eine Hose, die du jeden Tag anziehst?“ Es war im Umkleideraum, vor dem Beginn des Turnunterrichts, alle meine Mitschülerinnen haben die Frage gehört (glaube ich zumindest). Ich spüre die Beschämung, den Zorn, die Hilflosigkeit, die Röte, die mir ins Gesicht stieg, noch heute, 35 Jahre später.
Kinder und Jugendliche sind in ihrer Unmittelbarkeit oft brutal, das wissen wir. Ich habe meiner Mutter erst einige Wochen später, so nebenbei, weil es mir peinlich war, von dieser Begebenheit erzählt. Meine Mutter nahm das Beschämende an der Situation kaum zur Kenntnis: „Na, dann werden wir bald wieder einmal eine Hose kaufen.“ Irgendwann, wenn wir Zeit haben, nicht jetzt gleich. Die Kleidung hatte sauber zu sein, ob sie auch neu war, spielte in unserer Familie kaum eine Rolle. Dafür fehlte das Geld.

Irgendwann ging meine Mutter dann doch mit mir in ein Kleidergeschäft, zum Samonig in Villach. Es war furchtbar, und ich erinnere mich an viele vergossene Tränen. Ich wollte eine Karottenhose wie die, die mir an einer Freundin so gut gefiel, und erhielt ein für damalige Verhältnisse sündhaft teures, unfassbar hässliches Jägerkostüm, das ich so gut wie nie trug.
Als mich viele Jahre später eine Kollegin einer Fraktion im Rathaus mit den Worten begrüßte: „Allein daran, wie Sie ausschauen, kann man erkennen, woher Sie kommen“, tauchte die Erinnerung an die Tränen beim Samonig wieder in meinem Kopf auf. Zugleich musste ich schmunzeln („Von der Schönheit kann man nichts abbeißen“, pflegte mein Großvater zu sagen) und war froh, gelernt zu haben, dass es wichtig ist, gesunde Distanz zu einigen Menschen zu halten.
Das misslingt mir hin und wieder. Manchmal bringt mich die Überheblichkeit der Lackschuhträger in ihren NLP-Hüllen, bringt mich die Verachtung, die diese Menschen ihren Wählerinnen und Wählern entgegenbringen, einfach zur Weißglut, aber meistens bleibe ich gelassen. Konstruktiv. Lösungsorientiert.

Und was hat das alles jetzt mit heute zu tun?

Nun, vor einigen Wochen erzählte mir Frau A., Alleinerzieherin, wie sehr sie sich über die Ausverkaufszeiten freue, wie schwer ihr die Scham beim Einkauf im Sozialmarkt im Nacken sitze, wie sehr es sie ärgere, als arme Person wahrgenommen zu werden, und wie stolz sie aber auch darauf sei, den Alltag immer wieder zu bewältigen – trotz Geldsorgen, krankem Kind, unruhigen Nächten, schwierigem Alltag. Aber die Behördenwege sind mühsam und kränkend, und zugleich bedeutet ihr die Zuzahlung zur Mindestsicherung enorm viel – sowohl in materieller, als auch in, wenn man so will, sozialer Hinsicht.

Wir haben noch keine Sprache für die Armut gefunden. Wir sind „Lost in Translation“, stecken fest zwischen den Neoliberalen und den Bemühten und scheitern an der Übersetzung. Es nützt nichts, Armut für ein paar Wochen auszuprobieren; das erzählt aus sicherer Position nichts über den Alltag. Ich wünschte, es gäbe einen nicht nur theoretischen, sondern auch praktisch wirksamen Weg, Frau A. ihre Geschichte erzählen zu lassen. Ich wünschte, wir würden uns mehr dafür interessieren. Aber ich befürchte, genau das lässt unser System nicht zu, denn sonst müssten wir es infrage stellen.

Aber das sind die Gründe, warum ich in den Verhandlungen zum neuen Mindestsicherungsgesetz mit der SPÖ nicht bereit war, auf Kürzungsvorschläge einzusteigen. Das sind die Gründe, warum es mir so wichtig war, Betroffene und ihre Lebensrealitäten miteinzubeziehen. Und es ist gemeinsam gelungen, keine Kürzungen, sondern Investitionen in Ausbildung und Qualifizierung v.a. von Jugendlichen, eine Chance mehr für jede und jeden einzelnen, dass sie ihre Zukunft ohne die Abhängigkeit der Mindestsicherung aufbauen können.

Und was hat das jetzt alles mit den Grünen zu tun?

Leidenschaftlich über unsere Grüne Politik zu streiten ist nichts Neues. Und Himmel ja, manchmal schüttel auch ich den Kopf über einzelne Plakate oder würde mir grundsätzlich mehr Wertschätzung im parteiinternen Umgang wünschen. Hier denke ich an meinen Freund Schani Margulies, ein Jahrzehnte langer Kämpfer für die gute Sache. Von einen Tag auf den Anderen ein Abschied von allen Funktionen: seinen Erfahrungsschatz hätten wir als Bereicherung erfahren können, mehr als wir es getan haben.

Und ja, wir diskutieren auch grünintern heftig. Manche wie ich, demonstrieren mit anderen gegen den rechtsextremen Burschenschafterball in der Hofburg, manche kritisierten in der Vergangenheit genau das. Manche wie ich, demonstrieren gemeinsam mit anderen gegen jeden Antisemitismus, wie z.B. #KeinQuidsTag, manche sehen in mehr Populismus, die einzig richtige Antwort.

Und manchmal, ja, da braucht es ein neue Hose. Dafür ist es nicht notwendig, die anderen vertrauten Hosen wegzuwerfen. Aus Gekränktheit oder Scham. Die neue Hose ändert nichts am Stolz und der Loyalität in der Familie.

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